Der Kapuzenmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © KayserWebDesign

 

Die fünfzigste Nacht ist vergangen, seit Judith mich verlassen hat. Als die Sonne die Schatten aus dem engen Tal vertrieb und die Vögel ihr Morgenlied beendet hatten, habe ich das Fenster zum Garten geöffnet und die Kissen in ihrem Bett aufgeschüttelt, als habe sie daringeschlafen. Das sind die Gewohnheiten, die mir helfen, die Tage ohne Judith zu überstehen. Gestern habe ich geträumt, Judith zu sehen, aber schon im Traum wusste ich, dass sie nicht zurückkommen wird. Die Trauer und Enttäuschung darüber haben mich geweckt. Judiths Gegenwart war nichts als eine elende Täuschung. Sie ist für immer fort und mein Leben geht weiter.

 

Ich habe mich entschieden. Den Lauf der Welt werde ich nicht anhalten können, aber ich greife in die Speichen des sich ewig drehenden Rades der Geschichte und dessen, was andere

Fortschritt nennen. Es ist meine Pflicht, nicht tatenlos zuzusehen, wie sich wiederholt, was Judith zugestoßen ist. Nichts ist vorherbestimmt, was auch immer geschieht. Die Freiheit

des Gedankens ist die Freiheit des Willens, das macht jeden von uns zu einem kleinen Gott. Jede Entscheidung führt Veränderungen herbei, seien sie auch noch so geringfügig. Große

Veränderungen brauchen mächtige oder viele Menschen. Oder Gewalt. Mein Weg ist der Weg der Gewalt. Angst und Raffgier sind die Kräfte, die die Welt bewegen. Ich werde Angst

säen.

 

Cécile. Maja. Und dann? Angelina?

 

 

Alexander Kilian lehnte an der hölzerne Brüstung des kleinen Balkons und sah hinunter auf die Türkenlouisstraße, wie so oft, wenn er Ina und die gemeinsame Tochter besuchte. Heute

beugte er sich schon zum zweiten Mal über das nasse Holz, obwohl wirklich nichts zu sehen war, nichts außer den alten Kastanienbäumen im Regen und von Zeit zu Zeit Scheinwerfer von Autos auf der nahen Günterstalstraße, die aus der Freiburger Innenstadt auf den Schauinsland zu führt. Doch irgendetwas war anders als sonst. Er spürte es mehr als er es

sah. Er neigte sich noch weiter vor, bis er den Lichtkegel sah, den die Straßenlaterne auf den regennassen Asphalt des Fußwegs zeichnete. Als könne er in den hellen und dunklen Mustern ein Geheimnis entdecken. Da, der Schatten der Kastanie neben der Gartentür! Der Stamm zeichnete sich nicht gerade wie eine Säule auf der Straße ab, sondern er hatte sich auf

einer Seite vorgewölbt wie durch eine längliche Geschwulst, die sich in diesem Augenblick verformte. Eine Ecke wuchs in ihrem oberen Teil hervor und fügte sich ein in die Schatten der

dicken Äste, verschwand wieder, wuchs erneut. Alexander ließ seine Augen zum Stamm des Baumes wandern, der den Schatten warf. Ein roter Punkt ruckte dort aufwärts, glomm

einmal auf und gleich darauf ein zweites Mal, dann bewegte er sich wieder nach unten.

 

***

 

Langsam ging Alexander auf den Wald zu. Wieder überfiel ihn dieses Gefühl, außerhalb jeder Realität zu handeln als willenlose Marionette, deren Fäden unbekannte Kräfte führten, in einem Zwang, gegen den er machtlos war. Irgendetwas handelte in ihm, nicht er selbst, jedenfalls nicht sein Verstand, eine tiefere Ebene hatte sich in Szene gesetzt und das Kommando übernommen, triebhaft, und er wusste, dass sein Handeln falsch war. Er war verrückt geworden, er wusste es, aber er konnte nichts dagegen tun.

Im Wald, noch außer Sichtweite des Hauses, gelang es ihm über die Mauer zu steigen. Dichtes Unterholz verbarg ihn, bis er wenige Meter von der Rückseite des Hauses entfernt stehen blieb.

 Er lauschte. Absolute Stille. Todesstille. Kein Vogel sang, keine Insekten schwirrten.