Der Pass

... zwischen Nepal und der revolutionären Linken ...

 

 

 

 

 

 

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Leseprobe:

 

Schwarze, streichholzlange Haare hatte die junge Frau gehabt, die blass und übernächtigt an einem glutheißen Augusttag vor meiner Haustür stand, ein mageres Kind auf dem Arm, blass wie sie, aber lächelnd im Schlaf.

„Kennst du mich nicht mehr?“

Ich erinnere mich nicht, ob sie erschreckt war über meine Bestürzung, meine Verwirrung, meine Fassungslosigkeit. Später dachte ich, vielleicht war sie froh, dass selbst ich sie nicht mehr erkannt hatte, sie, Madeleine, wo wir uns doch erst zwei Monate zuvor begegnet waren, miteinander gesprochen hatten, uns verabredet hatten sogar.   

Ich wich zurück, betreten und erschreckt, während sie eintrat in meine Wohnung, ihre Reisetasche abstellte, sich dann umsah und ihr Kind niederlegte, mit Schuhen auf den hellen Bezug aus Segeltuch von meiner Couch.

Ich schloss die Tür hinter uns. 

Den Anlass ihres Kommens, diese Ungeheuerlichkeit, erzählte sie wie eine Banalität, als gäbe es nichts, was natürlicher sei.

Einen Wecker hatte sie gekauft.

„Ja und? Was weiter?“

Erinnert hatte er sich an sie. Er, der Verkäufer, hatte sie, die Frau, die den Wecker gekauft hatte, beschreiben können.

„Und? Warum nicht?“

Nur eine Frage der Zeit sei es, bis jemand sie erkenne auf der Phantomzeichnung, die überall in Berlin auf den Polizeiwachen hing.

„Bist du sicher, dass wir nicht abgehört werden?“ fragte sie plötzlich.

Ich sah sie verständnislos an.

„Wieso abhören? Hier wird niemand abgehört.“

„Verstehst du denn nicht? Der Wecker für die Bombe bei der BVG. Für den Zeitzünder.“

„Bombe? BVG?“

„Na, der Anschlag auf die Berliner Verkehrsgesellschaft, auf die Schwarzfahrerkartei.“

Plötzlich verstand ich. Tote hatte es nicht gegeben, ich erinnerte mich, auch keine Verletzten. –

Das war es, was sie in Berlin nicht hatte sagen wollen, nicht hatte sagen können: Madeleine war eine Terroristin, eine von denen, die Bomben hochgehen ließen. Die RAF fiel mir ein, der Mord an dem Bankier Jürgen Ponto. Kaum mehr als zwei Wochen waren seither vergangen und der Schock war noch längst nicht überwunden.

Nein, mit der RAF habe sie nichts zu tun, niemals würde sie sich bei denen beteiligen. Deren Strategie sei sowieso grundverkehrt. Es sei viel zu offensichtlich, wer beteiligt sei. Warum sonst säßen die meisten jetzt im Knast? Und Mord sei für sie selbst ohnehin kein Mittel die Gesellschaft zu verändern.

„Wir kämpfen um das Bewusstsein der Menschen, nicht um die Macht.“

Und als ich immer noch schwieg:

„Dass man sich wehren muss, wenn man nicht untergehen will, das wirst du doch verstehen!“

 

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Der Felsbrocken, groß wie eine Kommode, löste sich ein paar Hundert Meter über uns aus dem Schutt kurz unterhalb der Abbruchkante. Alle sahen ihn. Wir hatten aufgeblickt, als wir das Poltern hörten. Ein riesiger Felsblock zwar, ein heimtückisches Ge schoss, aber weit über uns, also Zeit zum Ausweichen, so dachten wir wohl alle, und wir standen und schauten nach oben, Augenblicke, vielleicht sogar Sekunden, wertvolle Zeit, die wir verstreichen ließen. Und der Klotz, der da auf uns zukam, gewann an Fahrt, raste tiefer. Dann geschah das Unvorhergesehene: der Felsblock zersprang. Die Trümmer, manche fußballgroß, andere wie Wagenräder, meterhoch springend nach jedem Aufschlagen, jagten auf uns zu, unberechenbar wie ein Sternschnuppenschwarm. Im Schutz eines Schuttkegels warf ich mich bäuchlings zu Boden. Dann hörte ich die Schreie derer, die vor mir gingen, sah hilflos, wie die Felsbrocken durch die Rinne sprangen, die die anderen gerade querten, wie riesige, todbringende Ping-Pong-Bälle, sah die vergebliche, blinde Flucht, sah Roswitha fallen, sah Rainer straucheln, von Roswitha zu Boden gerissen, sah ihn den Halt verlieren, dann stürzen vom Weg, der hier keiner mehr war, hinunter zur Schlucht, ohne Schrei, fünf, sechs Meter tief, wo er liegen blieb. Aber Rainer richtete sich wieder auf, vorsichtig im losen Schutt und Geröll.

    

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An diesem Abend blieb Jan bei mir, als sich die Gruppe trennte. Es wäre absurd gewesen an Liebe zu glauben, auch meinerseits keine Spur davon. Es gab andere Gründe, ihn nicht fortzuschicken. Ich sah es als Zeichen der Anerkennung, dass er mit mir schlief, das erste, seit wir uns begegnet waren. Aber es war nicht einmal dies. Nichts als grausame Berechnung war es, nichts als seine Fähigkeit, mich, uns alle, in eine totale Abhängigkeit zu bringen. Das Mittel war der Wechsel zwischen Verachtung und Zuwendung, zwischen Hohn und Anerkennung und zwischen Vernichtung und Unterstützung. Was mir blieb, als ich dies erkannte, viel später erst, war ein Gefühl der Erniedrigung.

In derselben Nacht, der Nacht zum achtzehnten Oktober, das Ende der Entführung in Mogadischu. Niemand an Bord der „Landshut“ hatte die Boeing 707 aus Deutschland bemerkt. Sie landete zwei Kilometer entfernt auf einem entlegenen Teil des Rollfelds. Alle Lichter waren ausgeschaltet. An Bord die Männer der GSG 9. Zwei Stunden brauchten sie, bis die Vorbereitungen abgeschlossen waren. Dann, um 0.05 Uhr, die Detonation der Sprengsätze an den Türen der entführten Maschine, Augenblicke später Blendgranaten, die die Entführer kampfunfähig machten. Sieben Minuten später war das Ganze vorbei. Alle 86 Geiseln unverletzt befreit – ein Wunder –, drei der Entführer tot, die beiden Männer und eine der beiden Frauen. Nur die Libanesin Souhaila Sayeh überlebte schwer­ver­letzt.

Deutschland jubelte.

Acht Stunden später wurden Gudrun Ensslin, Jan Carl Raspe und Andreas Bader tot in ihren Gefängniszellen aufgefunden. Selbstmord, die Männer durch Erschießen, Gudrun Ensslin durch Erhängen, so lautete die offizielle Version. Aber wir glaubten nicht an Selbstmord, wir glaubten an Mord. Nach dem Tod der Gefangenen würde es ein zweites Mogadischu nicht geben.

Hanns Martin Schleyer wurde am nächsten Tag im Kofferraum eines grünen Audi 100 aufgefunden, auch er tot. Dreiund­vier­zig Tage nach seiner Entführung war er von seinen Bewachern mit drei Kopfschüssen hingerichtet worden.

Fünfundsiebzig Tage nach der Geiselbefreiung, zur selben Uhrzeit, zu der auch die Türen der Lufthansamaschine aus ihren Halterun­gen gerissen wurden, genau um 0.05 Uhr, starb Madeleine.

Nie wieder danach habe ich meinen Fuß auf Hamburger Boden gesetzt. Ich bin durch die Vororte gefahren, wenn es nicht zu vermeiden war, über die Autobahn von Süden kommend, bei Hamburg-Harburg über die Süderelbe, niemals aber danach über die Elbbrücken in die Stadt hinein sondern im Osten über die Norderelbe, durch Billstedt, dann lag Hamburg schon hinter mir.

Warum ausgerechnet Hamburg, warum gerade die U-Bahn Station Sternschanze?

Vielleicht wäre sonst alles anders gekommen.