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Die Schattenseite des Mondes
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Leseprobe:
Es war ein trüber Wintertag im Februar, Nebel in der Luft und die Stadt grau und konturlos, der Tag, der mich abschnitt von der Welt, deren Teil ich gewesen war, und der mich ausstieß aus meinem bisherigen Leben. Niemals nach diesem Tag sollte alles wieder sein wie zuvor. Die junge unbekümmerte Mutter, die sorglose Kunststudentin, ist an diesem Tag gestorben. Sie sitzen im Kreis, als ich als letzte komme, hinter ihnen die Staffeleien, die Tische mit den Farben und Pinseln. Ich sehe ihre Gesichter, helle Scheiben mit dunklen Augenschlitzen, sehe gebeugte Rücken auf den hohen Schemeln, sehe Holgers schwarze Haare, seine eckigen Schultern. Ich schließe die Tür hinter mir, bleibe stehen. Jetzt bemerken sie mich, zuerst die, deren Gesicht der Tür zugewandt sind, dann die anderen, sie drehen sich um, unwillig und abweisend. Holger, der jetzt verstummt, lässt das Bild in seinen Händen sinken und blickt in meine Richtung. Ich klammere mich an die Mappe mit meinen Zeichnungen, sehe seine Augen, sehe die feindseligen Blicke der anderen zwölf. Niemand macht Platz für mich. Dann, während ich noch unbeweglich stehe, geschieht das Unfassbare. Ich sehe die Pfeile, die sie senden, spitze, schwarze Geschosse, die mich erreichen, mich mitten ins Herz treffen, wo sie mit furchtbarem Schmerz stecken bleiben. Ich fühle das Gift in meinem Körper und ich weiß, ich werde sterben, getötet von ihren Pfeilen, vernichtet von dem Zauber, den sie über mich gebracht haben. Mein Mund öffnet sich, ich will schreien, aber ich bleibe stumm. Qualvolle, unerträgliche Angst. Todesangst! „Warum setzt du dich nicht?“ fragt Holger. Endlich macht mir jemand Platz. Aber ich weiche zurück. Die Pfeile! Sie stecken noch immer in meinem Herzen. Ich sehe sie und ich fühle wie sich das Gift ausbreitet. Ihr Neid, ihre Missgunst sind leibhaftig geworden, ihre Gefühle haben sich verwandelt in Materie, ihre Gedanken in greifbare Realität. „Maria, was ist los mit dir?“ Ich antworte nicht. Das ist der Zauber! Sie haben mich nie gemocht. Was mich getroffen hat, ist ihr Hass. Es ist die Vergeltung für meine Liebe zu Holger. Grauenvolle Angst! Ich verlasse das Atelier, fliehe den langen Gang entlang, die Treppe hinunter, hindurch zwischen Castor und Pollux auf ihren bronzenen Pferden, fort von der Akademie. Die Pfeile! Ich muss die Pfeile loswerden und den Tod, der in mich eingedrungen ist, und der mich zerfrisst, mich zerreißt, mich vernichtet. Ich sehe nicht die rote Ampel am Siegestor, höre nicht das Hupen der Autos und das Quietschen der Reifen. In mir ist nichts als ein Abgrund aus Schmerzen, Angst und Verzweiflung.
Der Geliebte Gegen zehn Uhr fahre ich zu den Hallen. Die „Negerhalle“ dehnt sich kahl, schwarz und noch fast leer. Auf der Tanzfläche küsst sich ein Pärchen, ein paar Gestalten sitzen an der Bar. Dort ist er! Eine jähe Erregung überfällt mich. Mein Herz stockt, beginnt wieder zu schlagen, schlägt wie ein Hammer. Er ist nicht allein. Zwei Frauen sind bei ihm, Studentinnen. Trotzdem: Holger wartet auf mich. Unermessliche Freude! Ich stehle mich in dem matten Licht zu einem Tisch – noch immer unbemerkt – und hocke mich auf die Kante eines Stuhls. Holger ist nur ein paar Meter von mir entfernt. Näher darf ich ihm nicht kommen. Ich zünde eine Zigarette an, zitternd vor Glück, drehe ihm den Kopf zu und blicke ihn an. Im flackernden Licht einer Kerze ist mir sein Gesicht so fremd wie das des auferstandenen Erlösers in der Frauenkirche, ein hageres, fast spitzes Gesicht unter den langen, gewellten Haaren, die dunklen Augen tief in den Höhlen, die Nase zu lang für die schmale Stirn, die Haut von einer kränklichen Totenblässe. Für mich ist er ein Gott. Noch hat er mich nicht gesehen. Ich sauge an der Zigarette, halte mich an diesem lächerlichen Strohhalm und inhaliere den warmen Strom, als könne ich mit ihm meine Unruhe überwinden. Dann gehe ich auf die fast leere Tanzfläche, stoße genau bis zur Mitte vor und stelle mich auf den großen Stern. Ich lausche auf die Musik. Katmandu von Cat Stevens liegt auf dem Plattenteller. Langsam schwinge ich von einem Fuß auf den anderen, wiege mich in den Hüften, bewege die Hände, die Arme, hebe sie zu beschwörenden Gesten. Ich bin die Tempeltänzerin, die Braut Gottes in strahlendem Weiß, die sich darbietet zur heiligen Hochzeit. Längst hat mich Holger bemerkt, spricht nicht mehr mit den anderen, sieht zu mir hin. Er sitzt einfach da, den Kopf in die Hand gestützt, schaut mich an und raucht eine Zigarette. Er liebt mich! Er liebt mich! Es gibt keinen Zweifel. Seine Augen, sein Gesicht können mich nicht täuschen. Unsere Liebe braucht keine Worte. Seine Blicke auf meinem Körper erregen mich, beflügeln mich zu immer neuen Bewegungen in einem übersinnlichen Rausch. Dann endet das Stück. Ich bleibe in der Mitte des Sternes stehen, genau unter der Kugel aus spiegelndem Mosaik. Leuchtende Punkte umkreisen mich, Himmelslichter in funkelndem Silber. Ich schließe die Augen vor ihrem Glanz, öffne sie erst wieder, als das nächste Stück längst begonnen hat. Theaternebel quillt über den Boden, Holgers Liebe, die mich umhüllt wie ein weiches Tuch. Ich streife die Schuhe ab und beginne wieder zu tanzen. Die dröhnenden Bässe lassen meinen Körper vibrieren. Es sind Holgers Hände, unter deren Berührungen mein Leib bebt. Ich sehe ihn an und seine Blicke werden zu den roten und blauen Flecken, die die Scheinwerfer auf meine Haut zeichnen. Er ist in mir und ich bin in ihm. Ich tanze ohne Pause. Ich werde nicht aufhören, solange Holger hier ist. Er muss dicht an der Tanzfläche vorüber, als er die Disko zusammen mit den beiden Studentinnen verlässt. Mit einer eckigen Bewegung winkt er mir zu und geht davon, die Schultern hochgezogen, der Rücken gerade wie ein schwarzer Stock. Wir dürfen unsere Liebe nicht zeigen. Sie ist unser Geheimnis. Über unsere Liebe zu sprechen, würde sie zerstören. Ich darf nicht einmal du zu ihm sagen. Außer im Unterricht sprechen wir nie miteinander. Nichts weiß ich über seine Familie, seine Kindheit, weiß nicht einmal, wo er geboren wurde. Seine Bilder kenne ich und ich weiß, wo er die Abende verbringt. Ich kenne seine Ausstellungen. Ich kenne sein Gesicht, seine Gestalt. Ich kenne seine Stimme und die Worte, die er zur Klasse spricht. Das ist alles. In dieser Nacht kommt Holger zu mir. Ich fühle seine Berührungen auf meinem Körper, seine Hände, seinen Mund, seinen Atem, ich sehe seine bleiche Gestalt. Er presst sich an mich, seine warme, weiche Haut, seinen nackten Körper, und da ist nichts als seine Leidenschaft und mein Begehren, ein wilder Strudel, er reißt mich fort und fort in einer unerträglichen Erregung. Brutal dringt Holger in mich ein. Mit dem Schmerz explodiert mein Körper. Die Lust wandelt sich in eine entsetzliche, nicht enden wollende Erschütterung und eine quälende Ekstase reißt mich in Stücke. Ich sehe meine Zerstörung und fühle sie leibhaftig. Meine Nerven werden zu glühenden Strängen in einer grauenvollen, unausweichlichen Wirklichkeit und das lodernde Flammenmeer, das mich erfüllt, versengt meinen zuckenden Leib und verbrennt mich zu Asche. Ich treffe Holger am nächsten Tag. Er kommt mir entgegen in dem langen Flur vor den Klassenatelier, eine dunkle Gestalt mit eckig pendelnden Armen und schlurfenden Füßen auf den weißen und blauen Mosaiksteinchen des Fußbodens. Ich weiß, dass er es ist, lange, bevor ich sein Gesicht erkenne. „Guten Morgen“, sagt er, als wir uns begegnen. Seine Stimme ist rau und etwas heiser. Dann sieht er zu Boden. Du schämst dich, denke ich, du hast mich vergewaltigt heute Nacht, und dafür schämst du dich. Dein gesenkter Blick ist das Zeichen, dass du wirklich bei mir warst. – Aber ich verzeihe dir.
Tage und Wochen vergehen in denen das Fremde und Unbegreifliche immer tiefer in mich eindringen und es mag sein, dass ich den Zerfall als erste bemerke. Tag für Tag sehe ich ihn fortschreiten, langsam aber unerbittlich. Ich kann ihn nicht aufhalten. Meine Haut wird schlaff und grau, ich verliere an Gewicht – von fünfzig Kilogramm magere ich auf dreiundvierzig ab – und meine Blumen gehen ein. Es ist, als wollten sie mir mit ihrem Untergang Gesellschaft leisten. Joachim gewöhnt sich daran, nach der Arbeit einzukaufen, und statt Hemden, die gebügelt werden mussten, trägt er Pullover. Die Strümpfe wäscht er selbst. Pflichtbewusst und rechtschaffen nimmt er seine neue Rolle an, unbeirrbar wie eine verlässliche Maschine, der man ein neues Werkstück vorlegt. Das war schon immer seine Art. Was er fühlt, was er leidet, erkenne ich nicht, auch nicht die tiefen Risse, die sich zwischen uns auftun wie in einem ausgedörrten Boden. Seine Vorwürfe nehme ich kaum war. Die Nachbarin beschuldigt mich, die Treppe nicht geputzt zu haben, der Kindergarten rügt, dass ich Kai mit Sandalen an den nassen Füßen und in schmutzigen Hosen bringe. Sie wollen mich zerstören, denke ich. Sie kritisieren mich, weil sie mich hassen. Mit dem Vergehen der Blumen, mit dem Chaos, das sich um mich herum und in mir ausbreitet, und mit dem wachsenden Abstand zu den vertrauten Menschen nimmt meine Verzweiflung zu und mit jeder rätselhaften Wahrnehmung wächst die Angst vor immer neuen, immer erschreckenderen Erlebnissen. Ich spüre, etwas ist anders geworden, ist furchtbar und unbegreiflich. Nichts gilt mehr, alles ist möglich und innen in mir ist nicht mehr wie außen. Innen, das ist etwas anderes als das, was die anderen Menschen die Wirklichkeit nennen. Mir ist jede Gewissheit abhanden gekommen. Nein, es entgeht mir nicht, dass ich mich unaufhaltsam in einer Welt verliere, die ich mit niemandem teilen kann. Siebenundzwanzig Jahre habe ich in der Welt der anderen gelebt und die Erinnerung daran ist noch nicht verblasst. Es ist die Hölle, nicht zu wissen, was die Wirklichkeit ist und was nicht! Dass mir vielleicht ein Arzt helfen könnte, ziehe ich nicht in Erwägung. Immer wieder gehe ich am Abend fort, suche, warte, suche wieder, bis ich Holger endlich finde. Dann bleibe ich in seiner Nähe ohne den unsichtbaren Bannkreis zu überschreiten, der ihn umgibt. Immer bemerkt er mich – er hebt dann die Hand zum Gruß – und immer nickt er mir zu, wenn er geht. Psychiatrie Es fällt mir schwer mich zu erinnern. Erschöpfung und Benommenheit haben in diesen Tagen meinen Geist verdunkelt und sich über meine Gedanken gelegt wie ein dunkles, undurchdringliches Tuch. Zu dritt haben sie mich festgehalten, die fremden, weiß gekleideten Frauen. Ich habe mich gewehrt, aber ein kahlköpfiger Riese hat mich überwältigt. Eine Spritze habe ich in ihren Händen gesehen, die war lang und breit wie ein Schwert und diese Spritze haben sie in meinen Körper gebohrt. Heute weiß ich, dass sie solche Spritzen nicht haben. Lange muss ich geschlafen haben. Zehn Stunden? Zwanzig Stunden? Ich weiß es nicht. Als ich aufwache, haben sich die Muskeln meiner Wangen verkrampft und mein Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Sie haben mich vergiftet, also wollen sie mich töten! Sie werden nicht ruhen, bis es ihnen gelungen ist! Es ist heller Tag, als sie mich losbinden. Sie bringen mich aus meiner Zelle, aber sie lassen mich nicht frei. Ich sehe, die Tür am Ende des Flures hat keine Klinke. Es gibt so etwas, ich habe es wissen können, Menschen hinter Gittern und hinter verschlossenen Türen, es kann ein Film sein oder ein Traum. Aber das ist es nicht, es ist meine Gegenwart. Ich selbst, ich bin es, die eingeschlossen ist. Ich sehe die Tür und ich weiß, nur wer den Schlüssel hat, kann sie öffnen. Hinter dem Drahtglas ist die Freiheit, das Leben. Dort sind die anderen. Ich kann nicht durch die Tür hindurchgehen. Dann plötzlich das Begreifen, der Schock: Sie haben mich ins Irrenhaus gesperrt. Eine dünne Frau in weißer Schwesterntracht begleitet mich durch einen Irrgarten dunkler Korridore, die sich verzweigen, zu Räumen erweitern, sich wieder verengen. Irgendwo schließt sie eine Tür auf, dahinter liegt ein schlecht gelüftetes Zimmer mit dem Geruch von Bohnerwachs und Desinfektionsmitteln, Krankenhausgeruch. Hier soll mein Zuhause sein: ein Bett, ein Nachttisch und das hohe schmale Fach hinter einer weißen Schranktür. An allen Wänden stehen Betten wie meines, abgestoßene Holzgestelle, darauf weiß bezogenes Bettzeug, eine zusammengefaltete Wolldecke am Fußende. Rosen verdorren auf einem Nachttisch, fast schwarz in ihrem Sterben. „Wann komme ich wieder raus?“ Die Schwester antwortet nicht. Verzweiflung und Schrecken überfallen mich. Sie müssen mich wieder fesseln! Sie hätten mich nicht freilassen dürfen. Die Augen der Weißgekleideten haben ihren Höhlen verlassen und rollen als grüne Glasmurmeln über ihre Wangen. Schuldig. Wieder bin ich schuldig! Ich hätte die Frage nicht stellen dürfen! Ich lasse mich auf die Bettkante fallen mit zusammengepressten Knien und ineinander gekrampften Händen und hoffe, dass sie endlich fortgehen möge. Zu Hause Ich bin wirklich wieder zu Hause. Nicht zu Besuch, nicht als Gast, den man irgendwann zur Tür begleitet, zum Bahnhof bringt oder dorthin, wo seine Wohnung ist. Hier ist meine Welt, meine Wohnung, meine Küche, mein Bett. Hier bin ich frei, den ganzen Tag, es gibt keine Kontrolle, kein Abmelden und niemand ist da, der mich überwacht. Am Abend sitzen wir nebeneinander auf der Couch, ein anspruchsloses Ehepaar, zufrieden wie Philemon und Baucis mit Musik vom Plattenteller, Joachims rechter Arm um meiner Schulter, in der linken ein Glas Wein. „Wie geht es dir?“, fragt er. Ich strahle ihn an, „sehr gut“, denn es muss mir gut gehen für Kai. „Es geht mir sehr gut“, sage ich noch einmal, „ich fühle mich wieder gesund“ und zu Joachim kommen keine Götter, die ihn warnen vor der drohenden Flut, wie sie Philemon und Baucis gewarnt haben. Aber ich denke an das, was mich quält, an meine Schwäche, meine Müdigkeit und die Angst vor jeder Herausforderung. Dann ist die Musik zu Ende und Joachim spricht aus, was ich hoffe, sagt es mitten hinein in die plötzliche Stille: „Wenn es dir so gut geht, ja, warum holen wir Kai nicht gleich nach Hause?“ Und dann, vier Tage später sitzt Kai wirklich hinter uns in seinem Kindersitz, seltsam fremd und stumm. „Wo ist mein Teddy?“, fragt er irgendwann und viel zu spät. „Welcher Teddy?“ „Der von Oma“, sagt Kai, und Joachim hat ihn gesehen. „Der Teddy liegt noch auf deinem Bett.“ Das ist zu viel für ihn, „ich will meinen Teddy“, ruft er, „ich will zu meinem Teddy“, er weint, und dann ist es nicht mehr nur der Teddy, er will zu seiner Oma, zu seinem Opa und alles ist falsch, was wir sagen. Kai weint nun nicht mehr, er schreit, er tobt. Joachim hält auf einem Parkplatz, aber immer noch ist alles falsch, denn wir kehren nicht um und mit jedem Meter, den wir weiter fahren, geht es fort von seinem Teddy und seiner Oma. Kurz vor München schläft Kai ein. Er wacht erst auf, als Joachim ihn die Treppen hinauf trägt. Und jetzt, nur einen kleinen Augenblick später, sieht er ihn wieder, diesen Anlass zu Jubel und Freude, den großen Bagger, den lange vermissten, nie vergessenen gelben Bagger mit der roten Schaufel. Aller Kummer ist vergessen, denn Freude und Kummer können sich nicht vereinigen. Endlich kann er wieder mit seinem Bagger fahren und er fährt durch die ganze Wohnung, jedes Zimmer, jede Ecke erobert er sich. Wirklich, jetzt freut er sich, wieder zu Hause zu sein. Aber am Abend im Bett fragt er wieder nach seinem Teddy, er will nicht verstehen oder kann nicht verstehen, dass alles Weinen nichts nützt und alles Schreien vergeblich ist. Der kleine Affe aus Plüsch, der Seehund, das weiße Schäfchen mit dem blauen Band um den Hals, alle sind da, aber sie zählen nicht, Fehlschlag jeden Trostes, aber endlich der Schlaf, der neue Hoffnung verspricht. Nach dem Wochenende stürze ich mich in meine Mutterrolle wie nie zuvor. Es ist so viel zu tun! Schon am Abend richte ich Kais Kleidung für den nächsten Tag. Nie wieder soll er mit schmutziger Kleidung in den Kindergarten kommen. Ich stelle ihn am Abend unter die Dusche, achte darauf, dass er die Zähne putzt und schicke ihn vor dem Essen zum Händewaschen. Ich lese ihm Geschichten vor und male mit ihm, kämme seine Haare, binde ihm die Schuhe. Ich übe mit ihm Zählen, zeige ihm, wie man seinen Namen schreibt. Jeden Morgen packe ich ihm das Frühstücksbrot ein, ich lege einen Apfel dazu, ein Päckchen Orangensaft. Ich muss genau sein, doppelt genau. Ich sage mir vor, was ich zu tun habe: die Frühstückstasche noch, die festen Schuhe, weil es regnet, die Regenjacke nicht vergessen. Es fällt so schwer, eine gute Mutter zu sein! Manchmal, wenn er fort ist, denke ich an meine Mutter. Ich denke an die unüberwindbare Schwäche, die sie manchmal befiel, diese plötzliche Unfähigkeit, uns – mich und meinen Bruder – zu waschen, anzukleiden, ja sogar zu ernähren. Ich denke an die Tage, an denen die Teller leer blieben, weil das Essen im Topf verkohlt war und die endlosen Stunden, wenn meine Mutter im Bett lag, kraftlos und nicht in der Lage, mit uns zu reden, sich um uns zu kümmern. Ist ihre Schwäche meine Schwäche? Ich habe Angst. Niemals darf sich so etwas wiederholen. Und dann tatsächlich, ich staune, von Tag zu Tag wird es leichter, sie kommen wieder, die Automatismen des täglichen Lebens, die Selbstverständlichkeiten, die Sicherheit, bei allem, was ich tue. Es sind Tage voller Licht und Wärme, darin verschollen geglaubtes Leben, Nachmittage mit Kai im Ungererbad, ein fröhliches Kind, das Schwimmen lernt. Gemeinsamer Urlaub in den Bergen, Joachim mit Sonnenbrand, glitzernde Schneefelder auf fernen Gipfeln, blühende Wiesen mit dem süßen Geruch von Sommer und Sonne, klare Bäche, Vogelgesang in den Wäldern, Joachims Arm um meine Schulter, mein Kopf an seiner Brust, zwei breite Pferderücken vor unserer Kutsche, helle Wege durch helle Landschaft. Aber ich stehe daneben, bei allem, was wir tun, ich bin nicht wirklich dabei. Es ist eine Fremde, die in mich gefahren ist und alles geht auf merkwürdige Weise an mir vorüber. Ein trüber, zäher Behang ist über allem, ein Schleier hat sich über meine Gefühle gebreitet. Am Abend rückt Joachim im Bett auf meine Seite, ich spüre seine Wärme und es ist schön so zu liegen. Aber wenn er mich küsst, mich berührt und meinen Körper streichelt, bin ich steif und empfindungslos wie ein Stück Holz. Immer wieder stehe ich an meiner Staffelei, nehme den Pinsel, tauche ihn in irgendeine Farbe, versuche ein paar Striche, aber dann weiß ich nicht weiter und ich denke, wie anders es war, als Holger neben mir stand. Ich habe Holger nicht vergessen, aber meine Sehnsucht ist erloschen und die Liebe verleiht mir keine Flügel mehr. Kraftlos bin ich geworden, flügellahm ist meine Phantasie. Das Leben ist eintönig geworden. Später Dann geht der Sommer dahin, die Spitzen des großen Ahorn vor dem Kindergarten werden gelb, dann rot, ein glühendes Karmesinrot, darunter die Blätter noch im tiefen Grün des Sommers, bis auch sie sich verfärben, von Tag zu Tag leuchtender, der ganze Baum eine Feuerlohe, endlich braun und sterbend. Irgendwann im späten Herbst kommt der Tag, an dem ich meine Tabletten nicht nehme, ein zweiter Tag, ein dritter. Erst ist es nicht viel, was sich verändert, aber während sich Novembernebel über die Stadt legen, wird der Nebel in mir lichter, meine Arme schwingen wieder mit, wenn ich gehe, und wenn ich Musik höre, ist es wieder Musik. Am vierten Tag rede ich mit Joachim. „Ist dir etwas aufgefallen?“, frage ich. Er weiß nicht, wovon ich spreche. „Ich meine an mir aufgefallen, wie es mir geht?“ „Ich denke es geht dir gut“, sagt er. „Sehr gut sogar. Es geht dir immer besser.“ Jetzt ist auch die Lust wieder da, die Lust am Malen, an den Farben, an den großen bunten Bildern. Sie fließen aus mir heraus, wie früher. Malen ist ein Rausch. Nicht ich bin es, die malt, als Akt des Willens, der Planung. Die Bilder sind in mir und die Farben explodieren in meinem Kopf. Ich brauche nur den Pinsel zu führen. Auch die Lust in den Nächten ist wieder da, das Begehren. Und jetzt erwacht wieder die Sehnsucht nach dem, der nicht da ist, flüchtig und unbedeutend erst, aber dann immer mächtiger. Jeden Tag und jede Nacht denke ich an ihn und meine Gedanken halten mich wach. Holger. Ich schlafe kaum, ich brauche keinen Schlaf. Ich freue mich wieder über das Schöne und schmücke die Wohnung. Überall stehen jetzt Kerzen. Es ist Advent und jedes Zimmer soll strahlen im Lichterglanz. „Nimmst du die Tabletten noch?“, fragt Joachim. „Die Tabletten?“, sage ich. „Manchmal habe ich sie vergessen.“ „Du musst die Tabletten nehmen.“ „Ja“, sage ich, „natürlich. Ich muss die Tabletten nehmen“, aber ich nehme sie nicht. Ich weiß, ich würde wieder zurückfallen in das Dunkel, sie würden die Phantasie zerstören, das Wissen, das Licht, die Erleuchtung, die Liebe. Ja, auch die Liebe zerstören. Manchmal sitze ich mit offenen Augen, starre in die brennenden Kerzen und tauche ein in meine Gedanken. Ich begreife so viel, Menschheit und Religion, alles wird klar, und ich erfasse die großen Zusammenhänge. Warum hat vor mir noch niemand erkannt, dass Jesus ein Buddha war? Ochs und Esel an der Krippe, der Ochse, der ist wie ein Stier, das ist Boddidharma, der Kraftvolle, der Vorantreiber der Lehre. Und der Esel, das ist Boddhisattva, unendlich sanft und geduldig. Nicht eher geht er ins Nirvana, bis auch der Letzte erlöst ist. Ochs und Esel vereint an der Krippe, das sind Boddhidharma und Boddhisattva, und das ist der Beweis. Es gibt keinen Zweifel: Jesus muss ein Buddha sein. Alle Welt muss es erfahren und das ist meine Mission! Die Trennung der Religionen: Wozu? Es gibt nur eine Religion! Allen muss ich es sagen und Einigkeit wird herrschen, wo im Laufe der Zeit alles so schrecklich zerfiel. „Was denkst du immer?“, fragt Joachim und dann hole ich mich zurück aus irgendeiner himmelshohen Ferne. „Oh“, sage ich, „nichts, eigentlich gar nichts“ und niemand sieht meine Gedanken, niemand weiß, dass ich für eine Zeit die Welt der anderen verlassen habe. „Es geht mir sehr gut“, sage ich, als Joachim mich wieder fragt, und ich merke nicht, dass der Zug in die Unwirklichkeit rast. Und Joachim? Er sieht, was er sehen will, und er glaubt, was er glauben will. Wie es weiter ging Nein, ein Wunder ist nicht geschehen, jedenfalls nicht so, wie ich es erhofft habe. Das Urteil Schizophrenie ist nicht aufgehoben worden und eine völlige Erlösung von der Heimsuchung hat es nicht gegeben. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe. Jetzt nehme ich die Tabletten und gehe regelmäßig zum Arzt. Seit Jahren war ich nicht mehr auf der Station. Warum hat mir niemand gesagt, dass man an so vieles gewöhnt, auch an die Tabletten? Was auch immer sich verändert hat durch die Medikamente, irgendwann wurde es erträglich, weil Zeit war zum Gewöhnen. Oder waren es die neuen Tabletten, die geringere Dosis? Es mag Jahre gedauert haben, bis der Schleier, der sich über mein Empfinden gebreitet hatte, lichter wurde und die Welt wieder Konturen bekam. Oder habe ich vergessen wie sie einmal war? Wie sie war bevor ich krank wurde? Ist das, was jetzt normal erscheint eine andere Normalität? Ich weiß es nicht. Man gewöhnt sich. Ich bin dick, immer noch. Die quirlige Maria, diese zierliche immer ein wenig verrückte Frau, gibt es nicht mehr. Aber es gibt eine andere. Diese Maria ist toleranter, ist vernünftiger, ist einfühlsamer und ihre Augen haben gelernt, die Menschen deutlicher zu sehen. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Nicht nur die Krankheit, auch die Psychiatrie verändert die Menschen. Die Wochen und Monate, losgelöst von aller Beschränktheit, von Gewohnheit und Vernunft, von Engstirnigkeit und Intoleranz, von den Regeln der normalen Welt, gehen nicht spurlos vorüber. --- Mein Weg zurück in die Normalität war kein geradliniger Weg, es war ein stetiges Auf und Ab, und doch ist das Leben von Jahr zu Jahr leichter geworden. Es war Joachims Geduld, die mich aus meiner Einsamkeit zurück ins Leben geholt hat, es war seine Beständigkeit, die mir immer wieder aufs Neue Sicherheit gegeben hat in meiner tiefen Irritation über die Zuverlässigkeit der Welt. Es war Joachim, der mein Interesse für die vielen Dinge geweckt hat, die mir einmal wichtig waren. Er hat mich auf die Schönheit der Natur aufmerksam gemacht, auf die Bilder, die Kunst. Er war es, der mich in die Normalität zurückgeholt hat, aber es war Dr. Hamann, der mir Mut gemacht hat, wieder zu malen. Ja, heute male ich wieder. Ich habe den Faden da wieder aufgenommen, wo ihn mir die Krankheit aus der Hand genommen hat. Wie lange ist es her, dass ich die toten Kinder im Fernsehen gesehen habe? Die erstarrten braunen Klumpen in ihren Steingräbern, die niemand erkennen konnte außer mir in einem Film, den es vielleicht niemals gegeben hat? Wann war es, dass ich die versteinerten Kinder gemalt habe? Sieben Jahre mögen seither vergangen sein, vielleicht auch acht. Irgendwann habe ich die Blätter wieder in die Hand genommen. Es ist viel Traurigkeit in diesen Bildern und ein großer Schmerz. Er war es, der mir endlich, Jahre später, die Tür zur Kunst wieder geöffnet hat. Jetzt war es ein anderer Schmerz als damals, als ich die versteinerten Kinder nicht erwecken konnte, aber in den neuen Bilder habe ich meine Trauer wieder gefunden, meine Einsamkeit, mein Eingeschlossensein in einer befremdlichen Welt und die Spuren der erlittenen Schmerzen. ...
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