|
|
![]() |
||||
|
|
|||||
|
Die Tote vom Turm
Copyright © KayserWebDesign
|
Leseprobe:
Er nickte. "Ja, es ist Ingrid." Kriminalhauptkommissar Geßler schlug das Tuch wieder über das Gesicht der Toten und nahm seinen Freund am Arm. "Lass uns gehen." Kilian entzog sich der Hand. Sein Wunsch zu fliehen, der ihn auf dem Weg hierher beherrscht hatte, war vergangen. Eine eigenartige Faszination zwang ihn das Tuch beiseite zu schieben und sich noch einmal über den Leichnam zu beugen. Es war nicht das Grässliche ihres zusammengestauchten Körpers, nicht ihr erstarrtes Gesicht, es war das Unabänderliche, das Unvorstellbare ihres Todes, des Todes überhaupt, was ihn länger bei der Leiche verweilen ließ, als es erforderlich war. Als er sich wieder aufrichtete war er blass geworden. Trotz der Kälte stand Schweiß auf seiner Stirn und glitt in Perlen über seine Schläfen. Geßler stand neben ihm und zupfte nachdenklich an seinem Seehundsbart. "Du bist Arzt. Ich dachte, der Anblick einer Toten wäre dir vertraut." Kilian schüttelte den Kopf. "Ich bin Wissenschaftler. Als Molekulargenetiker sehe ich keine Leichen." "Komm", sagte Geßler noch einmal. Kilian schlug das Tuch wieder über das Gesicht der Toten und wandte sich dem Kommissar zu: "Und", er machte eine Pause, "trotz allem war sie meine Frau." Dann ließ er sich von Geßler fortziehen. Wortlos verließen sie den weiß gekachelten Raum, stiegen die blauen Treppenstufen wieder hinauf und traten aus dem nüchternen Klinkerbau des Instituts für Rechtsmedizin in den dünnen Regen, der seit den Morgenstunden unaufhörlich aus dem konturlosen Himmel rann. Nach ein paar Schritten blieb Kilian schweigend stehen. Als er endlich sprach, war seine Stimme rau und unsicher. "So hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt." Die tiefe Betroffenheit seines Freundes hatte Geßler nicht erwartet. Nach der Trennung war Ingrid jedes Mittel recht gewesen, ihren Mann zu belästigen. Die Geschichte mit dem Leichenwagen fiel ihm ein. Sie hatte ein Beerdigungsunternehmen zu Kilians Wohnung geschickt um seine Leiche abholen zu lassen. Er sah ihn eine Weile von der Seite an. "Entschuldige die Bemerkung", sagte er dann zögernd, "aber eigentlich kannst du doch froh sein, dass das Theater mit Ingrid vorbei ist. Sie erspart dir sogar die Scheidung und vor allem viel Geld." Eine Zeit lang war nichts zu hören als das Brummen einer Kühlanlage hinter den grünen Lüftungsschlitzen des Untergeschosses, ein aufdringliches Geräusch, schauerlich in seiner Eintönigkeit "In der Tat", antwortete Kilian endlich mit leiser Stimme, "ich bin froh, dass sich dieses Drama erledigt hat." ------ Ein
paar hundert Meter vor Kilian fuhr der Range Rover. Spätestens jetzt
konnte der Dicke die ihm folgenden Scheinwerfer nicht mehr übersehen. Er
musste ahnen, dass der Wagen, der ihm so lange auf der menschenleeren
Straße folgte, nicht zufällig hier fuhr. Als die roten Lichter hinter
einer Kurve verschwanden, schaltete Kilian seine Scheinwerfer aus. Mit
einem Schlag erlosch die spiegelnde Nässe auf der Fahrbahn. Es erloschen
der weiße Mittelstreifen und die seitliche Fahrbahnmarkierung ebenso die
weißen und roten Katzenaugen der Begrenzungspfähle und die rotweißen
Richtungspfeile vor der nächsten Kurve. Für einen entsetzlichen
Augenblick umgab ihn nichts als schwarze Nacht, kein noch so schwacher
Schimmer eines Lichtes, nicht die Spur einer Kontur. Er trat auf die
Bremse im plötzlichen Schreck, fuhr irgendwo, ehe er endlich den Schalter
wiederfand und die Scheinwerfer aufleuchteten. Direkt vor ihm jetzt der
linke Fahrbahnrand. Es war unmöglich dem anderen ohne Licht zu folgen.
|
||||