Der Pass

... zwischen Nepal und der revolutionären Linken ...

 

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Die Freiburger Autorin Renate Klöppel schickt ihre Heldin auf eine Trekkingtour in die 68er-Vergangenheit

   Als die nicht mehr ganz junge Anne es nach vielen Rückschlägen und Enttäuschungen noch einmal wissen will, wählt sie eine Trekkingtour durch die Bergwelt Nepals. Anne ist Journalistin, und ihr Lebensweg scheint gekippt, als ihr großer Traum, eine eigene Kulturzeitschrift, mangels Lesern scheitert. Anne will den Annapurna erreichen – auch im übertragenen Sinn, um sich und der Welt noch einmal ihre Erfolgsfähigkeit zu beweisen. Auf der an die Grenzen der Belastbarkeit führenden Wanderung trifft sie auf den etwa gleichaltrigen Rainer mit seiner Tochter – und besonders diese kommt ihr von Anfang an vertraut vor. Als sie sich über ihre Gefühle für Rainer klar wird, begreift sie, dass seine Geschichte ihre eigene ist. Es sind die dunklen Schatten ihrer Biographie, die mit Rainer und dessen Tochter verbunden sind seit jenen Tagen des "Deutschen Herbstes". Und so wird die Tour durch die nepalesische Bergwelt auch zu einer Abrechnung Annes mit ihrer Vergangenheit.
   Mit "Der Pass" hat Renate Klöppel, die in Schwenningen und Freiburg lebende Autorin, nach dem Krimi "Der Mäusemörder" ihren ersten literarischen Roman vorgelegt. Ihr gelingt das Kunststück, den spannenden Reisebericht von einer nicht alltäglichen Tour auf das "Dach der Welt" mit einer Bestandsaufnahme der Befindlichkeit einer Mitläuferin im "Deutschen Herbst" zu verknüpfen – auf anregende, nie langatmige Weise. Gerade die auch tageszeitlich getrennte Behandlung zweier Ebenen macht einen Teil des Reizes aus: Am Tag die Schilderung der Wanderung, bei Nacht in Wachträumen und schlaflosen Stunden die Retrospektive. Wie, so die Frage der Protagonistin und damit die des Buchs, kann man einer Schuld entrinnen, die man in jungen Jahren aus Verblendung, aus Begeisterungsfähigkeit, aus Zuneigung auf sich geladen hat? Rechtfertigt der Wille zu einer Veränderung der Gesellschaft zerstörerische Gewalt? Wie verschmerzt man den Tod eines geliebten Menschen, den man mitverschuldet hat? Fragen wie diese wirft Renate Klöppel in erfrischender Deutlichkeit und in klarer, unprätentiöser Sprache auf. Ihr Thema ist die Bewertung der 68er-Bewegung ihrer Folgen. Bemerkenswert ist, wie plastisch und schlüssig Klöppel die fast. autobiographisch anmutende Schilderung des "Hineinrutschens" in das Terroristenumfeld gelingt. Sie zeigt, dass der Weg von der Idee bis zum Einsatz von Gewalt nicht immer weit sein muss – und dass Gewalt unkontrollierbar auf einen selbst zurückfallen kann. Die Idee der Autorin, die Bergbesteigung als Metapher für die zehrende Beschäftigung mit der innerlich zu einem Berg angewachsenen unbewältigten Vergangenheit zu nutzen, ist brillant. Je höher hinauf Anne steigt und je tiefer sie in ihre eigene Geschichte vordringt, desto dünner wird die Luft. Anne wird Meter vor dem Ziel höhenkrank und muss absteigen. Nicht nur der knappe Sauerstoff, auch die Vergangenheit hat sie schwindeln gemacht. "Es war meine eigene Vergangenheit, die sich mir in den Weg stellte. Sie war schwerer zu Überwinden als die Berge", heißt es an einer Stelle. Trotzdem kann "Der Pass" auch als Ermutigung gelesen werden, sich der Erinnerung zu stellen. Die Vergangenheit ist nicht retuschierbar; doch wie formuliert es Anne am Ende: "Vielleicht bin ich eine andere geworden."

Oliver Georgi
Badische Zeitung, Freiburg, 11.5.2002