Ein anderes Leben findest du allemal

1

 

Der alte Bahnhof war ein düsterer Ort mit grauen, fast schwarzen Mauern. Auf dem halbrunden Platz vor dem niedrigen Gebäude standen Pferde, riesenhafte Wesen mit breiten Rücken und zotteligem Fell über den Hufen. Männer mit lauten Stimmen luden Bierfässer von Planwagen, von denen das Schmelz­wasser großer Eisbarren tropfte, und verjagten Kinder wie sie, wenn sie sich den Pferden näherten. Am Ende des Platzes behinderten schwere Flügeltüren den Zutritt zur Schalterhalle, einem dunklen, nach kaltem Zigarettenrauch stinkenden Saal, der erfüllt war von Stimmengewirr und dem Stakkato harter Absätze. Durch diese Halle war sie ihrem Bruder gefolgt, eine heulende Zwölfjährige, die an seinem Mantel zerrte und bettelte, er möge sie nicht allein lassen.

Zwei Wochen nach seinem Abitur hatte Rudi seine beste Hose in einen Koffer aus braunem Kunstleder gepackt, dazu Rasierzeug, Unterwäsche und Krawatte und noch ein paar Dinge, die er in einem verschlossenen Fach seines Schreibtischs vor allen Blicken verborgen hatte. Zuoberst legte er drei von den Hemden, die ihre Mutter für ihn bügelte. Bei alledem beachtete er sie nicht, antwortete auch nicht auf ihre aufgeregten Fragen. In seinem Gesicht war ein Ausdruck von schmerzlicher Entschlossenheit, der ihr Angst machte. Als er den Koffer schloss, war er nur zur Hälfte gefüllt. Zuletzt beugte er sich über seine Gitarre, die wie jeden Tag auf seinem Klappbett lag. Er betrachtete sie lange, streichelte das helle Holz, als müsste er Abschied nehmen, doch dann steckte er sie mit seltsam eckigen Bewegungen in ihre Hülle. Er klappte das Bett zur Wand, legte seinen Hausschlüssel auf den Küchentisch. Dann verließ er die Wohnung, ging fort aus dem Haus, in dem sie gemeinsam aufgewachsen waren, die Gitarre schräg über die rechte Schulter gehängt, den Koffer in der linken Hand. Es war ein kalter Tag im März, ein eisiger Wind blies aus Osten, und die Legienstraße war verwaist. Lisa war die Einzige, die ihn zum Bahnhof begleitete. Der Koffer war nicht schwer, doch Rudi setzte ihn von Zeit zu Zeit ab, und wenn er das tat, versuchte er, sie zu ver-

 

scheuchen wie einen lästigen Hund. In der Schalterhalle herrschte er sie an, sie solle sich nach Hause scheren. Elisabeth, sagte er, nicht Lisa, wie sie von allen genannt wurde, auch von ihrem Bruder. Dann ging er weiter mit zusammengepressten Lippen.

Der Zug zum Hauptbahnhof war schon eingefahren, als sie den Bahnsteig betraten. Rudi stieg in den ersten Wagen, gleich hinter der großen Dampflokomotive und dem Kohletender. Er öffnete ein Fenster und beugte sich zu ihr herunter, jedoch wortlos, und sah sie lange nachdenklich an.

»Wohin fährst du?« Sie schrie die Worte, aber er schob das Fenster wieder hoch. Durch die schmutzige Scheibe konnte sie sehen, wie er seinen Koffer ins Gepäcknetz hob und auf der hölzernen Bank in sich zusammensank. Nur einen Augenblick später der Pfiff einer Trillerpfeife, das laute Schnaufen der anfahren­den Dampflok, dazu die Bewegungen der Kolben­stange, ganz langsam vor und wieder zurück, sie nahmen die großen Räder mit, die sich unerbittlich zu drehen begannen. Immer schneller rollte der Zug aus dem Bahnhof und trug ihren Bruder davon. Der Vater war bei der Arbeit, die Mutter lag im Bett, halb besinnungslos von ihren Tabletten.

 

2

 

Eines Tages, als in einem langen Winter die Einsamkeit in Lisas kleines Anwesen hoch oben im Schwarzwald eindringt, taucht diese Erinnerung wieder auf. Jahrzehnte hat sie im Verborgenen überdauert, ohne jemals an die Oberfläche zu gelangen. Erst ist das Bild flüchtig – ein dunkler Bahnhof, ein rollender Zug – ist wie hingetupft und ohne Zusammenhang. Bald gewinnt es an Deut-lichkeit, füllt sich mit Einzelheiten, dehnt sich aus zu weiteren Or-ten und weckt in ihr den Wunsch, die Stätten der Kindheit wieder- zusehen. Niemals ist sie zu dem Bahnhof zurückgekehrt oder in die Straße, in der sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens gewohnt hat. Sie weiß nicht einmal, ob das Haus in der Legienstraße noch immer steht.

Am Tag vor ihrer Abreise geht sie hinunter zum Klaus­bubenhof und bittet den Jungen, er möge sich für einen kleinen Lohn um ihre Katze und die Hühner kümmern. Es sei ungewiss, wann sie zurückkommen werde, vielleicht schon bald, vielleicht werde sie länger fortbleiben. Am Abend setzt sie sich an ihren Computer. Nur eine einzige Nachricht muss sie schreiben. Sie geht an eine ihrer Kundinnen. Lisa hatte ihr versprochen, den Vogelkäfig, ein   filigranes Unikat, das sie aus Bambusstreifen gebaut hat, in dieser Woche vorbeizubringen. Sie bittet um etwas Geduld.

 

An einem wolkenverhangenen Tag im frühen Mai bricht sie auf. Vor den Waldrändern liegt noch Schnee, der in der Morgenstunde mit einer eisigen Kruste bedeckt ist, die Wiesen sind braun und die Äste der wenigen Laubbäume ragen kahl wie im tiefen Winter in den grauen Himmel. Unten im Tal, wo die Obstbäume in voller Blüte stehen, parkt sie ihr Auto am Bahnhof eines kleinen Ortes und fährt mit der Höllentalbahn nach Freiburg. Im ICE nach Hannover hat sie einen der wenigen Einzelplätze im Großraumwagen reserviert. Ihrer Vergangenheit will sie sich ohne die Geschichten von Mitreisenden nähern. Sechs Stunden, nachdem sie ihr Auto abgestellt hat, verlässt sie die S-Bahn, kaum mehr als einen Steinwurf von dem düsteren Bahnhof entfernt, wo Rudi damals in den Zug gestiegen ist. Es war nicht die Entfernung, die sie von den Orten ihrer Kindheit abgeschnitten hat, es war die Scheu vor der Erinnerung.

 

Der neue Bahnhof, an dem sie aussteigt, befindet sich neben Gleisen, die sich im Gewirr eines Rangierbahnhofs verlieren. Es ist ein moderner langgestreckter Bau aus blauem, fleckig gewordenem Sichtbeton und blauen Glassteinen, die wie Legosteine übereinander getürmt in die Höhe streben. Der Aufzug an seiner Seite bringt sie auf eine Straßenbrücke über den Gleisen. Das Stahlfachwerk der Brücke, das die Fahrbahnen und Gehwege überragt, sieht aus wie früher, ebenso der schmiedeeiserne Zaun, der sich ans Brücken­geländer anschließt. Hier kennt sie noch jede Nische. In gespenstischer Weise scheint alles unverändert, selbst die Sträucher mit den weißen Beeren, die sie vor endloser Zeit pflückte und auf dem Gehweg zertrat – Knallerbsen. Das Grundstück hinter dem Zaun ist so verwildert wie früher, der hohe Zaun frisch gestrichen. Die letzten Wochen des Schuljahrs war Lisa allein an diesem Zaun entlang und über die Brücke zum Gymnasium gegangen.

Frühmorgens, wenn an regnerischen Tagen die Nässe von den stählernen Brückenbögen tropfte, glaubte sie manchmal, Rudis Anwesenheit zu spüren, wie er vor ihr ging, oft in Eile und schneller, als ihre Füße sie trugen. Unter der Brücke fuhren die Dampflokomotiven, fauchend und den heißen Dampf gegen die Brücke speiend. Manchmal geschah es, dass eine Lokomotive unter ihr hindurchfuhr. Für einen Augenblick sah sie dann neben dem Brückengeländer in den Schornstein hinein, ein dunkles, Hitze und Rauch spuckendes Maul, vor dem sie floh, um der nächsten Eruption zu entgehen. Zuweilen wirbelten Funken aus dem Loch und der Wasserdampf war schwarz und beißend vom Ruß des Kohlefeuers. Im Winter hingen die Schwaden dicht und schwer, doch manchmal schneeweiß über der Brücke, und sie trat in sie hinein wie in warme Watte. Gestalten sah sie darin verschwinden, andere traten daraus hervor und dann dachte sie, das könnte jetzt Rudi sein.

 

Nun, wo Rudi seit vielen Jahren nicht mehr lebt, steht Lisa wieder auf der Straßenbrücke. Ein roter Zug nähert sich langsam unter ihr auf dem äußeren Gleis, hält neben dem blauen Bahnhofsgebäude. Wenige Menschen steigen aus. Ein Mann schiebt sein Fahrrad zum Fahrstuhl. Auf der Brücke schließt er sein Rad an den schmiedeeisernen Zaun. Lisa geht weiter, kommt zum alten Bahnhof. Die Dächer über den Bahnsteigen sind abgerissen und die Eingänge in das flache Gebäude zugemauert, die erste Enttäuschung auf ihrer Reise: An diesem Ort ist der Zutritt zur Vergangenheit versperrt.

Wo sich früher hinter hohen Torbögen die Schalterhalle öffnete, bedecken Graffiti das ockergelb gestrichene Mauer­werk der nutzlosen steinernen Hülle. Der Platz vor dem Bahnhof, wo einst die Pferdewagen standen, sieht aus wie früher, auch das Basaltpflaster ist noch von damals. Heute wuchert Unkraut zwischen den Steinen. Verschwunden sind die niedrigen, an den Bahnhof angebauten Geschäfte und mit ihnen die Menschen.

In einer Nische außen am alten Bahnhofsgebäude war einstmals ein Kiosk angebaut, jetzt ist hier der Asphalt gesprenkelt von Taubenkot. In einer überdachten Ecke haben sich Obdachlose niedergelassen. Das Lager ist aus Zeitungspapier, darauf liegen Wolldecken und Schlafsäcke. Ein verbeulter Wasserkessel steht auf einem Gaskocher und davor ein altes Transistorradio, neben ihm liegen verstreut ein paar Habseligkeiten in blauen Plastiksäcken. Ringsum bedeckt Müll den Boden. Von den Menschen ist nichts zu sehen.

Den Kiosk betrieb damals eine alte Frau mit einer großen Warze am Kinn, die von borstigen schwarzen Haaren umgeben war. Ein kleines Himbeerbonbon kostete einen Pfennig, ein großes zwei. Die Alte nahm die Bonbons mit ihren verkrümm­ten Fingern aus den dickbauchigen verschlusslosen Gläsern und zählte sie einzeln in die hingehaltene Kinderhand. Lisa durfte die Bonbons nicht kaufen. Ihre Mutter erlaubte es nicht. Auch die Schnüre und die Schnecken aus Lakritze waren verboten, genau wie die weißen Mäuse, die süß waren und sich anfühlten wie weiches Gummi. Ihre Mutter wollte immer das Beste für ihre Kinder, und Süßigkeiten aus der Hand einer schmuddeligen alten Frau mit einer behaarten Warze am Kinn zählten nicht dazu.

In einer Nacht hatte es im Kiosk gebrannt und sie bekamen geschenkt, was noch genießbar schien. Rudi erbeutete Nappos, die harten klebrigen Dinger in Stanniolpapier, die aussahen wie übergroße Salmiakpastillen. Ein kleiner Nappo hätte fünf Pfennig gekostet, der größte zwanzig. Eine Handvoll von den großen war wie ein kleines Vermögen. Er schenkte sie ihr, aber sie schmeckten nach Rauch. Die Nappos waren ein Schatz, der sich als wertlos erwies.

Manchmal brachte Rudi ein blondes Mädchen mit einem Pferdeschwanz mit nach Hause. Magdalena hieß sie. Sie war ein bisschen pummelig und sah immer fröhlich aus. Wenn sie kam, gab Rudi Lisa zwanzig Pfennig für ein Eis und schickte sie fort. Für zwanzig Pfennig gab ihr die Alte vom Kiosk fünf kleine Himbeer-bonbons und drei Lakritzschnecken, die Lisa abwickelte, um die Schnüre ganz langsam Stück für Stück zu essen. Verbotener Genuss, bei dem sie die Augen ihrer Mutter im Nacken spürte.